Jacques Lusseyran (1924 in Paris - 1971)

Autobiographie eines Franzosen, der mit acht Jahren erblindet und durch seine Blindheit eine besondere Art der Wahrnehmung lernt. Dadurch sieht er mehr als viele seiner Zeitgenossen. Auf die Geschichte einer glücklichen Kindheit folgt der Bericht  über die Widerstandsgruppe, die er 1940 als Schüler im besetzten Frankreich gründet und leitet. In all seinen Handlungen wird er geführt durch einen “inneren Sinn”, den er seiner Behinderung verdankt.
Faszinierend ist die Art, wie er seine Umwelt mit allen Sinnen wahrnimmt und wie er dies schildert.
Hier einige Beispiele:
“Wie hatte ich leben können all die Zeit, ohne zu wissen, daß alles auf der Welt eine Stimme hat und sprechen kann? Nicht nur die Dinge, denen man eine Sprache zugesteht, nein, auch die anderen: die Torwege, die Mauern der Häuser, die Balken, die Schatten der Bäume, der Sand und das Schweigen. ... Seitdem ich blind war, konnte ich keine Bewegung mehr machen, ohne nicht eine Flut von Geräuschen auszulösen. Betrat ich abends mein Zimmer, in dem ich früher niemals etwas hörte-, machte die kleine Stuckfigur aus dem Kamin den Bruchteil einer Drehung. Ich hörte ihre Reibung in der Luft, leicht wie die Bewegung einer Hand. Wenn ich einen Schritt machte, weinte oder sang der Fußboden - zweierlei Stimmen konnte ich vernehmen -, und dieses Lied pflanzte sich fort von einem Brett zum nächsten bis hin zum Fenster und erzählte mir von der Tiefe des Zimmers.” (S. 24)
“Als ich noch meine Augen hatte, waren meine Finger steif und am Ende der Hände halb abgestorben, gerade recht, die Bewegung des Greifens auszuführen. Jetzt hatte jeder von ihnen seine Initiative. Sie wanderten einzeln über die Dinge, spielten gegeneinander und machten sich, unabhängig voneinander, schwer oder leicht.
Die Bewegung der Finger war sehr wichtig, sie durfte nicht unterbrochen werden. Denn es ist eine Illusion zu glauben, daß die Gegenstände starr an einen Punkt gebunden, auf immer an ihn gefesselt und in eine einzige Form gepreßt sind: die Objekte leben, selbst die Steine. Mehr noch: sie vibrieren, sie erzittern.” (S. 28)
“Wie sollte ich zum Beispiel erklären, wie die Gegenstände sich mir näherten, wenn ich auf sie zuging? Atmete ich sie ein, hörte ich sie? Vielleicht. Was es auch war - es nachzuweisen, war oft schwer. Sah ich sie? Augenscheinlich nicht. Und doch! ...
Um sie (die Bäume) auf diese Weise Art wahrzunehmen, mußte ich mich in einem Zustand halten, der von all meinen Gewohnheiten so sehr abwich, daß es mir nicht gelang, längere Zeit in ihm zu verharren. Ich mußte die Bäume selbst ganz an mich herankommen lassen. Ich durfte nicht die geringste Absicht , auf sie zuzugehen, den geringsten Wunsch, sie kennenzulernen, zwischen sie und mich stellen. Ich durfte nicht neugierig sein, nicht ungeduldig, vor allem nicht stolz auf meine Fähigkeit.” (S. 34)
Der Autor Jacques Lusseyran wurde 1924 in Paris geboren. Seine Schulzeit verbrachte er auf einer «normalen» Schule; anschließend studierte er Philosophie und Literatur. 1944-1945 war er im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Nach dem Krieg war er Philosophieprofessor in Frankreich und den USA. Lusseyran kam 1971 durch einen Autounfall ums Leben.